Touareg V
16.03.2006, 15:25
wenn ein Auto 20-jähriges Jubiläum feiert, wird das meist an die große Glocke gehängt. Erst recht, wenn es sich um einen Lamborghini handelt – sollte man jedenfalls meinen. Beim LM002 sieht das ein wenig anders aus. Denn der Italo-Offroader will so gar nicht in eine Modellpalette passen, in der es von Sportwagen-Legenden nur so wimmelt. Keine Spur von rassiger Linienführung, zackigem Fahrverhalten und Sprintwerten auf Ferrari-Niveau. Ganz im Gegenteil: Der seit 1986 produzierte LM002 ist ein Geländewagen im Stile eines Hummer H1, lange bevor es diesen überhaupt gibt. Das macht ihn im Rückspiegel betrachtet zum Lamborghini-Stiefkind schlechthin. Doch gerade deshalb ist seine Geschichte so interessant, und Motorvision ist ihr auf der Spur.
Ein Weg aus der (Öl-)Krise?
Mitte der Siebziger Jahre. Die Ölkrise macht vor allem den Sportwagenherstellern schwer zu schaffen. Lamborghini macht da keine Ausnahme. So sieht man sich in Sant´Agata Bolognese nach zusätzlichen Einnahmequellen um. Da kommt das Angebot eines Konsortiums namens „Mobility Technologies International“ Company (MTI) gerade recht. Der Auftrag lautet, ein sowohl schnelles als auch geländegängiges Vehikel für das saudische Militär zu entwickeln. Lamborghini scheint für diese Aufgabe prädestiniert. Immerhin produzieren die Italiener neben Supersportwagen auch Traktoren. Ergo: Für den Militär-Offroader muss man nur beides kreuzen, dann wird´s schon funktionieren.
Als Lamborghini-Interpretation dieser Vorgabe entsteht schließlich der „Cheetah“, eine eigentümliche anmutende Konzeptstudie, die von einem mächtigen amerikanischen V8 befeuert werden soll. Das Dumme für die Italiener: Das MTI zieht seinen Auftrag kurze Zeit später zurück – zu teuer mutet das Projekt an.
Die Pläne verschwinden vorerst in der Schublade – bis sie Anfang der Achtziger Jahre von den Brüdern Jean-Claude und Patrick Mimran, ihres Zeichens die aktuellen Lamborghini-Besitzer, wieder herausgeholt werden. Ein leistungsstarker Geländewagen soll die Modellpalette bereichern. Diesmal nicht für militärische Zwecke, sondern für wohlhabende Ölscheichs mit ausgeprägtem Spieltrieb. Als Basis dient der Cheetah, der für seinen neuen Einsatzzweck jedoch ein wenig umgestaltet wird. Das Design wird retuschiert, und für den Vortrieb sorgt das größte Triebwerk, welches die hauseigenen Regale zu bieten haben: Der 5,2-Liter-V12-Vierventiler aus dem Countach 5000 Quattrovalvole. 1986 ist es dann soweit: Der LM002 geht in Produktion – und erntet erstaunte Gesichter.
Wer hat hier wen inspiriert?
Solche Reaktionen kennt man in Sant´Agata. Nur die Ursache ist diesmal eine andere. Wo sonst Anerkennung die Szenerie beherrscht, regiert beim LM002 Ungläubigkeit. Wer ihn erblickt, stellt sich die Frage: Wer hat eigentlich wen inspiriert? Haben die Lamborghini-Designer vom HMMVV, jenem Militär-Offroader, auf dem der Hummer H1 basiert, geklaut? Oder umgekehrt? Wie auch immer: Die Optik mutet mehr als gewöhnungsbedürftig an. Okay, die scharfen Kanten hat er mit seinen pfeilschnellen Geschwistern gemein. Aber sonst? Der monströse Kühlergrill sieht aus, als wolle er bei Wüsteneinsätzen den Sand regelrecht in sich hineinschaufeln. Die Seitenansicht wirkt, als seien Front und Heck lieblos an die Fahrgastzelle gepappt worden. Die mächtigen Räder, deren 345/60er Reifen eigens von Pirelli für den LM002 entwickelt wurden, tun ihr Übriges zur extravaganten Optik. Und das Heck? Das macht mit den verlorenen Rückleuchten und dem riesigen Ersatzrad einen traurigen Eindruck.
Hummer-Verhältnisse auch im Innenraum – von feinen Lederbezug einmal abgesehen. Das beginnt schon beim Einsteigen. Andere Lamborghinis passen wie eine zweite Haut. Man schält sich in den Sportsitz und sitzt direkt über dem Asphalt. Nicht so beim LM002-Interieur: Das Cockpit ist eine einzige Abrisskante - da reißt auch der edle Holzbeschlag nichts mehr raus. Instrumente, Schalter und Bedienhebel scheinen direkt aus einer der Lamborghini-Landmaschinen verpflanzt worden zu sein. Und dann ist da der extrem breite Mitteltunnel, der amourösen Abenteuern mit der Beifahrerin von vornherein einen Riegel vorschiebt.
Doch es liegt nicht nur am eigenartigen Design, dass dem LM002 nicht einmal ansatzweise so etwas wie Erfolg beschieden ist. Es ist vor allem die Unzuverlässigkeit, die das bevorzugte Klientel – sprich: wohlhabende Araber – am Lamborghini-Allradler verzweifeln lässt. Es gibt wohl kaum einen Scheich, der mit dem Italiener nicht bei einer Dünentour gestrandet wäre.
Aerodynamik als Fremdwort
An der Performance liegt der Verdruss sicherlich nicht. Denn der aus dem Countach geliehene Zwölfender samt sechs doppelläufiger Weber-Vergaser liefert stramme 455 PS und knapp 500 Newtonmeter Drehmoment. Für ein Auto, dessen cW-Wert sich auf dem Niveau einer Einbauküche bewegt und das rund 2,7 Tonnen wiegt, können sich die Fahrleistungen mehr als sehen lassen. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 7,8 Sekunden, bei 210 km/h setzt der Mangel an Aerodynamik der Beschleunigung ein Ende. Das Fahrverhalten? Natürlich nicht zu vergleichen mit den Sportwagen-Geschwistern oder heutigen SUVs, aber sicher besser als bei den meisten Geländewagen seiner Zeit. Der Verbrauch? Immens, aber das interessiert die Kundschaft nicht. Die hat eine eigene Ölquelle hinter dem Palast.
Bis 1992 dauert die Karriere des LM002. Rund 300 Exemplare sollen in dieser Zeit die Werkshallen in Sant´Agata Bolognese verlassen haben. Einige versahen sogar ihren Militärdienst, ein anderer wurde 1988 wenig erfolgreich bei der Rallye Paris - Dakar eingesetzt. Nun feiert der hässlichste – und damit irgendwie auch charmanteste - aller Lamborghinis also 20. Geburtstag. Ein Ereignis, mit dem kurzzeitig die Erinnerungen an ihn aufflackern. Der LM002 sollte es genießen. Denn die nächsten fünf Jahre - bis zum silbernen Jubiläum - wird er wohl wieder in der Versenkung verschwinden.
Quelle (http://www.motorvision.de/motorvision/Motorvision/Cars-und-Bikes/Classic/News/Archiv/lamborghiniLM002b.html)
Ein Weg aus der (Öl-)Krise?
Mitte der Siebziger Jahre. Die Ölkrise macht vor allem den Sportwagenherstellern schwer zu schaffen. Lamborghini macht da keine Ausnahme. So sieht man sich in Sant´Agata Bolognese nach zusätzlichen Einnahmequellen um. Da kommt das Angebot eines Konsortiums namens „Mobility Technologies International“ Company (MTI) gerade recht. Der Auftrag lautet, ein sowohl schnelles als auch geländegängiges Vehikel für das saudische Militär zu entwickeln. Lamborghini scheint für diese Aufgabe prädestiniert. Immerhin produzieren die Italiener neben Supersportwagen auch Traktoren. Ergo: Für den Militär-Offroader muss man nur beides kreuzen, dann wird´s schon funktionieren.
Als Lamborghini-Interpretation dieser Vorgabe entsteht schließlich der „Cheetah“, eine eigentümliche anmutende Konzeptstudie, die von einem mächtigen amerikanischen V8 befeuert werden soll. Das Dumme für die Italiener: Das MTI zieht seinen Auftrag kurze Zeit später zurück – zu teuer mutet das Projekt an.
Die Pläne verschwinden vorerst in der Schublade – bis sie Anfang der Achtziger Jahre von den Brüdern Jean-Claude und Patrick Mimran, ihres Zeichens die aktuellen Lamborghini-Besitzer, wieder herausgeholt werden. Ein leistungsstarker Geländewagen soll die Modellpalette bereichern. Diesmal nicht für militärische Zwecke, sondern für wohlhabende Ölscheichs mit ausgeprägtem Spieltrieb. Als Basis dient der Cheetah, der für seinen neuen Einsatzzweck jedoch ein wenig umgestaltet wird. Das Design wird retuschiert, und für den Vortrieb sorgt das größte Triebwerk, welches die hauseigenen Regale zu bieten haben: Der 5,2-Liter-V12-Vierventiler aus dem Countach 5000 Quattrovalvole. 1986 ist es dann soweit: Der LM002 geht in Produktion – und erntet erstaunte Gesichter.
Wer hat hier wen inspiriert?
Solche Reaktionen kennt man in Sant´Agata. Nur die Ursache ist diesmal eine andere. Wo sonst Anerkennung die Szenerie beherrscht, regiert beim LM002 Ungläubigkeit. Wer ihn erblickt, stellt sich die Frage: Wer hat eigentlich wen inspiriert? Haben die Lamborghini-Designer vom HMMVV, jenem Militär-Offroader, auf dem der Hummer H1 basiert, geklaut? Oder umgekehrt? Wie auch immer: Die Optik mutet mehr als gewöhnungsbedürftig an. Okay, die scharfen Kanten hat er mit seinen pfeilschnellen Geschwistern gemein. Aber sonst? Der monströse Kühlergrill sieht aus, als wolle er bei Wüsteneinsätzen den Sand regelrecht in sich hineinschaufeln. Die Seitenansicht wirkt, als seien Front und Heck lieblos an die Fahrgastzelle gepappt worden. Die mächtigen Räder, deren 345/60er Reifen eigens von Pirelli für den LM002 entwickelt wurden, tun ihr Übriges zur extravaganten Optik. Und das Heck? Das macht mit den verlorenen Rückleuchten und dem riesigen Ersatzrad einen traurigen Eindruck.
Hummer-Verhältnisse auch im Innenraum – von feinen Lederbezug einmal abgesehen. Das beginnt schon beim Einsteigen. Andere Lamborghinis passen wie eine zweite Haut. Man schält sich in den Sportsitz und sitzt direkt über dem Asphalt. Nicht so beim LM002-Interieur: Das Cockpit ist eine einzige Abrisskante - da reißt auch der edle Holzbeschlag nichts mehr raus. Instrumente, Schalter und Bedienhebel scheinen direkt aus einer der Lamborghini-Landmaschinen verpflanzt worden zu sein. Und dann ist da der extrem breite Mitteltunnel, der amourösen Abenteuern mit der Beifahrerin von vornherein einen Riegel vorschiebt.
Doch es liegt nicht nur am eigenartigen Design, dass dem LM002 nicht einmal ansatzweise so etwas wie Erfolg beschieden ist. Es ist vor allem die Unzuverlässigkeit, die das bevorzugte Klientel – sprich: wohlhabende Araber – am Lamborghini-Allradler verzweifeln lässt. Es gibt wohl kaum einen Scheich, der mit dem Italiener nicht bei einer Dünentour gestrandet wäre.
Aerodynamik als Fremdwort
An der Performance liegt der Verdruss sicherlich nicht. Denn der aus dem Countach geliehene Zwölfender samt sechs doppelläufiger Weber-Vergaser liefert stramme 455 PS und knapp 500 Newtonmeter Drehmoment. Für ein Auto, dessen cW-Wert sich auf dem Niveau einer Einbauküche bewegt und das rund 2,7 Tonnen wiegt, können sich die Fahrleistungen mehr als sehen lassen. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 7,8 Sekunden, bei 210 km/h setzt der Mangel an Aerodynamik der Beschleunigung ein Ende. Das Fahrverhalten? Natürlich nicht zu vergleichen mit den Sportwagen-Geschwistern oder heutigen SUVs, aber sicher besser als bei den meisten Geländewagen seiner Zeit. Der Verbrauch? Immens, aber das interessiert die Kundschaft nicht. Die hat eine eigene Ölquelle hinter dem Palast.
Bis 1992 dauert die Karriere des LM002. Rund 300 Exemplare sollen in dieser Zeit die Werkshallen in Sant´Agata Bolognese verlassen haben. Einige versahen sogar ihren Militärdienst, ein anderer wurde 1988 wenig erfolgreich bei der Rallye Paris - Dakar eingesetzt. Nun feiert der hässlichste – und damit irgendwie auch charmanteste - aller Lamborghinis also 20. Geburtstag. Ein Ereignis, mit dem kurzzeitig die Erinnerungen an ihn aufflackern. Der LM002 sollte es genießen. Denn die nächsten fünf Jahre - bis zum silbernen Jubiläum - wird er wohl wieder in der Versenkung verschwinden.
Quelle (http://www.motorvision.de/motorvision/Motorvision/Cars-und-Bikes/Classic/News/Archiv/lamborghiniLM002b.html)